Reithelm
Ein Reithelm ist eine Schutzausrüstung für Reiterinnen und Reiter, die den Kopf bei Stürzen und anderen Unfällen vor Verletzungen schützt und im Reitsport als unverzichtbares Sicherheitsequipment gilt.

Der Reithelm zählt zu den wichtigsten Schutzausrüstungen im Reitsport. Er ist darauf ausgelegt, bei einem Sturz vom Pferd oder einem Aufprall die auf den Schädel wirkenden Kräfte zu absorbieren und so schwere Kopfverletzungen zu verhindern oder abzumildern.
Aufbau
Schale
Die äußere Schale besteht in der Regel aus hochfestem Kunststoff wie ABS oder Polycarbonat, bei hochwertigen Modellen auch aus glasfaserverstärktem Kunststoff oder Carbon. Sie verteilt die Aufprallkraft großflächig und verhindert das Eindringen spitzer Gegenstände. Unter der harten Außenschale befindet sich eine stoßabsorbierende Innenschale aus expandiertem Polystyrol (EPS), das die kinetische Energie eines Aufpralls aufnimmt und irreversibel verformt – was gleichzeitig erklärt, warum ein Helm nach einem starken Sturz ausgetauscht werden muss, auch wenn äußerlich keine Schäden sichtbar sind.
Innenpolster
Das Innenpolster liegt direkt am Kopf an und erfüllt mehrere Aufgaben: Es sorgt für Tragekomfort, passt den Helm individuell an die Kopfform an und nimmt Schweiß auf. Die Polster sind bei den meisten modernen Helmen herausnehmbar und waschbar. Manche Hersteller bieten verschiedene Polsterstärken an, um die Passform zu optimieren.
Kinnriemen und Verschluss
Der Kinnriemen hält den Helm im Sturz sicher auf dem Kopf. Er muss fest, aber nicht einengend sitzen – als Faustregel gilt, dass zwei Finger zwischen Kinn und Riemen passen sollten. Gängige Verschlusssysteme sind der einfache Klickverschluss, der Mikrometerverschluss für stufenlose Einstellung sowie der sogenannte Y-Träger, bei dem zwei Riemen vor und hinter dem Ohr zusammengeführt werden. Der korrekte Sitz des Kinnriemens ist entscheidend: Ein zu locker getragener Helm kann sich beim Aufprall verschieben und seinen Schutz weitgehend verlieren.
Belüftung
Moderne Reithelme verfügen über ein Belüftungssystem aus Einlass- und Auslassöffnungen, die einen Luftstrom durch den Helm erzeugen. Die Anzahl, Größe und Anordnung der Lüftungsschlitze variiert je nach Modell und Einsatzbereich erheblich. Turnierhelme für den klassischen Reitsport sind oft weniger stark belüftet, um ein glattes, elegantes Erscheinungsbild zu wahren, während Helme für den Geländeritt oder den Freizeitbereich häufig großzügigere Belüftungsöffnungen aufweisen.
Funktion und Sicherheit
Die primäre Schutzfunktion besteht in der Energieabsorption beim Aufprall. Die harte Außenschale verteilt punktuelle Krafteinwirkungen, während die EPS-Innenschale die Energie durch Verformung abbaut und so die auf das Gehirn wirkende Beschleunigung reduziert. Ein Reithelm schützt insbesondere vor Schädelbrüchen und schweren Hirntraumata, kann jedoch rotationsbedingte Kräfte – die bei schrägen Aufprällen auftreten und als besonders gefährlich für das Gehirn gelten – nur begrenzt absorbieren. Neuere Helmgenerationen integrieren daher zusätzliche Technologien wie das MIPS-System (Multi-directional Impact Protection System), das eine kontrollierte Drehbewegung des Helms relativ zum Kopf ermöglicht und so Rotationskräfte abmindert.
Normen und Prüfzeichen
Die Sicherheit von Reithelmen wird durch internationale und nationale Normen geregelt, die Mindestanforderungen an Stoßdämpfung, Durchdringungsfestigkeit und Stabilität des Kinnriemens definieren.
Die europäische Norm EN 1384 ist die Basisnorm für Schutzhelme im Reitsport und in der EU weit verbreitet. Sie wurde zuletzt 2017 überarbeitet und legt Prüfverfahren für verschiedene Aufprallszenarien fest. Helme, die dieser Norm entsprechen, tragen das CE-Kennzeichen.
Der britische Standard PAS 015 galt lange als besonders strenge Prüfnorm und wird von zahlreichen Reitsportverbänden empfohlen. Er stellt unter anderem höhere Anforderungen an die Stoßabsorption bei niedrigen Temperaturen.
Die VG1-Norm (Voluntary Guidance 1) wurde 2016 eingeführt und gilt als eine der anspruchsvollsten Normen im Reitsport. Sie kombiniert Anforderungen aus EN 1384 und PAS 015 und wurde von führenden europäischen Reitsportverbänden, darunter der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), als Mindeststandard für Turniere empfohlen oder vorgeschrieben.
Der amerikanische Standard ASTM F1163 ist vor allem im nordamerikanischen Raum verbreitet und für Westernsport sowie Vielseitigkeit relevant.
Viele Verbände schreiben für bestimmte Disziplinen – insbesondere für den Geländeritt in der Vielseitigkeit – Helme vor, die mindestens einer dieser Normen entsprechen. Reiterinnen und Reiter sollten bei Turnierteilnahme die aktuellen Ausschreibungen ihrer jeweiligen Verbände prüfen, da sich die Vorschriften regelmäßig ändern.
Varianten und Disziplinen
Die äußere Form des Reithelms ist stark von der jeweiligen Disziplin geprägt. Im klassischen Dressur- und Springsport ist der Reithelm mit Schirm (auch Jockeykappe genannt) weit verbreitet, der einen kurzen Vorderschirm und häufig einen Samtbezug in Schwarz oder Dunkelblau aufweist. Für Geländeritte wird oft ein aerodynamischerer Helm ohne ausgeprägten Schirm bevorzugt. Im Westernreiten finden sich breite Krempenhelme, die optisch dem Cowboyhut nachempfunden sind, dabei aber modernen Sicherheitsstandards entsprechen. Für jüngere Kinder gibt es speziell dimensionierte Helme mit angepassten Kinnriemensystemen.
Passform
Ein korrekt sitzender Reithelm ist Voraussetzung für seinen Schutz. Der Helm sollte waagerecht auf dem Kopf sitzen, etwa zwei Fingerbreit über den Augenbrauen, und weder nach vorne noch nach hinten kippen. Er darf sich beim festen Schütteln nicht verschieben, sollte aber auch keinen Druckschmerz verursachen. Da Köpfe in ihrer Form erheblich variieren – von rund über oval bis längsoval –, bieten Hersteller oft verschiedene Kopfformen an. Die Passform sollte immer durch Anprobieren ermittelt werden; Größenangaben allein sind nicht ausreichend. Viele Fachgeschäfte verfügen über ausgebildetes Personal, das bei der Auswahl unterstützt.
Austausch nach einem Sturz
Nach einem Sturz, bei dem der Helm den Boden oder ein anderes Objekt berührt hat, sollte er grundsätzlich ausgetauscht werden – auch wenn keine sichtbaren Schäden erkennbar sind. Die EPS-Innenschale verformt sich beim Aufprall dauerhaft und kann ihre Schutzwirkung nicht mehr vollständig entfalten. Da diese Verformungen von außen oft nicht sichtbar sind, ist eine zuverlässige Sichtprüfung nicht möglich. Einige Hersteller bieten einen kostenlosen oder vergünstigten Austauschservice nach Stürzen an. Unabhängig von Stürzen empfehlen die meisten Hersteller, einen Reithelm nach spätestens fünf Jahren zu ersetzen, da Materialermüdung, UV-Strahlung und Schweiß die Schutzwirkung mit der Zeit beeinträchtigen können.
Häufige Fragen
Was ist ein Reithelm?
Ein Reithelm ist eine Schutzausrüstung, die den Kopf von Reiterinnen und Reitern bei Stürzen und Unfällen schützt. Er absorbiert die beim Aufprall entstehenden Kräfte und verhindert oder mindert so schwere Kopfverletzungen.
Woraus besteht ein Reithelm?
Ein Reithelm besteht aus einer harten Außenschale aus Kunststoff wie ABS, Polycarbonat, glasfaserverstärktem Kunststoff oder Carbon sowie einer innenliegenden Schicht aus expandiertem Polystyrol (EPS), die Aufprallenergie aufnimmt. Direkt am Kopf liegt ein Innenpolster, das Tragekomfort bietet, die Passform anpasst und Schweiß absorbiert.
Wann muss ich meinen Reithelm austauschen?
Ein Reithelm muss nach einem starken Sturz ausgetauscht werden, auch wenn äußerlich keine Schäden sichtbar sind. Die innere EPS-Schicht verformt sich beim Aufprall irreversibel, sodass der Helm seine Schutzwirkung dauerhaft verliert.
Wie soll ein Reithelm sitzen?
Ein Reithelm muss fest auf dem Kopf sitzen, ohne einzuengen, und der Kinnriemen muss korrekt eingestellt sein. Als Faustregel gilt, dass zwei Finger zwischen Kinn und Riemen passen sollten. Viele Hersteller bieten verschiedene Polsterstärken an, um die Passform individuell zu optimieren.